Wem kann man Glauben schenken, wenn es um Ernährung geht?

Beratung, Ernährungspläne, Diäten oder Ernährungs-Coaching: Angesichts der zirkulierenden Informationsflut zu diesem Thema überrascht es nicht mehr, dass sich so viele in diesem Dickicht verlieren. Es herrscht eine wahre Reizüberflutung bezüglich der Ernährung, oder anders gesagt, eine Vielfalt an widersprüchlichen Ratschlägen, die nur zur noch grösseren Verwirrung eines bereits komplexen Themas beitragen. Erklärungsversuch mit einem Studienabgänger in Ernährung und Diätetik.

Einstieg ins Thema

Um nur die bekanntesten Beispiele zu erwähnen: Gluten sollen gemäss einigen Fachpersonen Giftstoffe enthalten, während andere genau das Gegenteil behaupten. Eier sollen mit Zurückhaltung konsumiert werden, also nicht mehr als zwei pro Woche, da sonst der Cholesterinspiegel ausser Kontrolle gerät. Und was die Laktose anbelangt, so sollen wir diese als Erwachsene gar nicht mehr verdauen können. Doch wie soll man nun die Spreu vom Weizen trennen? Das Thema ist komplex und das Ziel dieses Artikels liegt darin, diesbezüglich einige Denkanstösse zu liefern.

Als Ernährungsberater könnte ich mich natürlich damit begnügen, auf das Fachwissen von Gesundheitsfachpersonen und das Befolgen der offiziellen Empfehlungen zu verweisen. Doch angesichts der Vielzahl an Ratschlägen, die uns im Bereich Ernährung entgegenschwappen, würde dies an der Quelle des Problems vorbeischiessen.

Tatsache ist, dass auch die Schweiz nicht von sogenannten Zivilisationskrankheiten verschont bleibt (1) und wir bezüglich der Befolgung von Ernährungsempfehlungen schlechte Schüler sind (2). Doch die Realität sieht natürlich einiges komplexer aus als eine simple Nichtbefolgung dieser Empfehlungen. Wo liegt denn nun die Ursache des Problems? Vielleicht gerade bei den widersprüchlichen Informationen, die uns ständig umwerben, auch – oder gerade – wenn wir gar nicht um sie gebeten haben. Präventionskampagnen, Blogs, Magazine, Werbung oder sogar unsere liebe Mutter: alle haben ihre Meinung und ihre Ratschläge dazu. Mit dem Aufstieg des Internets hat sich die Situation in den letzten Jahren zusätzlich verschärft. Eine meiner Professor/innen brachte dazu jeweils einen treffenden Vergleich an: «Mit der Ernährung ist es wie mit dem Englischen. Alle kennen ein paar Worte und verfügen über einige Kenntnisse, aber wenn es darum geht, ein richtiges Gespräch zu führen oder die Dinge genauer zu erläutern, dann sieht es wieder ganz anders aus.»

Wer erteilt Ernährungsempfehlungen?

Offizielle Ernährungsempfehlungen

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wenn Ernährungsempfehlungen besser befolgt würden, wäre das ein grosser Schritt in die richtige Richtung. Es existieren zwar viele Empfehlungen, die auf die gesamte Bevölkerung abzielen, wie etwa ausreichend Früchte und Gemüse zu essen oder den Konsum von verarbeiten Produkten und raffiniertem Zucker einzuschränken. Das Problem liegt aber gerade in der Natur dieser Ratschläge begraben. Im Bestreben, diese Empfehlungen für 97,5 % der Bevölkerung umsetzbar zu machen, wurden sie eben auch sehr, oder eben zu sehr, verallgemeinert (3). So wiegt eine Portion Fleisch 120 g, der durchschnittliche Energiebedarf liegt bei 2000 kcal pro Tag (4). Aber stellen wir uns eine einfache Frage: Hat ein zwanzigjähriger Student, der zweimal wöchentlich Sport treibt, wirklich den gleichen Energiebedarf wie ein Frischpensionierter? Verzehrt ein Büroangestellter die gleichen Mengen wie ein Strassenarbeiter? Die Antwort ist nein. Im Bestreben, die Empfehlungen zu verallgemeinern, haben diese auch ihre Schlagkraft verloren.

Das Internet

Zwischen den Blogs zu veganer, paleozäner oder Rohkost-Ernährung, den Fitness-Foren oder den Websites zu den neuen Mode-Diäten können sich Fachpersonen nur die Haare raufen. Das Internet ist eine grosse Datenbank und hilfreich, um auf einen Klick Informationen zu finden. Diese sollten jedoch nur mit der allergrössten Vorsicht genossen werden. Die gefunden Informationen können unvollständig oder verfälscht sein oder schlicht jeglicher Grundlage entbehren, während die Richtigkeit des Inhalts allzu oft nicht überprüft wird. Natürlich gehört nicht gleich alles in den Müll, aber zumindest muss oft tiefer als die ersten paar Ergebnisse gegraben werden, um auf qualitativ hochstehende Informationen zu stossen.

Das grösste Problem liegt also nach wie vor in der Bewertung der Qualität und der Glaubwürdigkeit von Informationen sowie der entsprechenden Quelle. Handelt es sich um eine vertrauenswürdige Informationsquelle? Wer schreibt, und für wen? Ist dieser Autor bekannt und verfügt er über eine solide Ausbildung? Das einzige Mittel, um wenigstens ein Minimum an Objektivität zu erzielen, ist das Beharren auf Quellen, Referenzen sowie eine vollständige Transparenz des Autors. Misstrauen ist auch bei Online-Bekenntnissen angebracht, da uns die Erfahrung lehrt, dass diese häufig gekauft oder schlichtweg erfunden sind.

Die Medien

Haben Sie einmal versucht, eine Detox-Kur, eine Mono-Diät oder eine dieser neuen Diäten zu machen, die in gewissen Magazinen empfohlen werden? Wie lange haben sie es geschafft, sich an Ihre Vorsätze zu halten, und was waren die langfristigen Ergebnisse? Es ist nicht überraschend, zu erfahren, dass nur ganz wenige Menschen eine Gewichtsabnahme langfristig aufrechterhalten können (5). Die Situation verschärft sich stattdessen oft noch, aus dem einfachen Grund, dass eine zu kontrollierte und restriktive Ernährung Ihnen langfristig mehr schadet als nützt. Sie verlieren dabei also nicht nur Ihre überflüssigen Kilos, sondern oft auch noch Geld, das andernorts besser investiert wäre, sowie das oft bereits arg gebeutelte Vertrauen in sich selbst (6).

Wenn die Lösung in Wunderdiäten und magischen Pülverchen liegen würde, dann gäbe es schliesslich nicht so viele Probleme mit Übergewicht, Adipositas und Störungen des Ernährungsverhaltens. Es gilt also, bezüglich der von gewissen Magazinen oder Websites beworbenen Wunderlösungen wachsam zu bleiben, insbesondere wenn der Sommer vor der Tür steht.

Bezüglich Radio- und Fernsehsendungen sowie Presseartikel ist zudem zu bedenken, dass es schwierig ist, solche komplexe Themen kurz zu halten. Es gilt also, einen kritischen Blick zu bewahren, da unklare Vereinfachungen oder Popularisierungen bei der breiten Öffentlichkeit Unverständnis hervorrufen können. Aber natürlich gibt es auch Beispiele, in denen vertrauenswürdige Informationen und Reportage eine gute Ehe eingehen, sofern gewisse Regeln respektiert werden: Objektivität, Überprüfbarkeit der Quellen, Referenzen und Transparenz.

Wissenschaftliche Studien

Studien sind im Allgemeinen keine Hauptinformationsquelle für die breite Öffentlichkeit, sondern eine wichtige Informationsquelle für Gesundheitsfachpersonen. Ich beschränke mich hier daher auf wenige Worte: Man stirbt nicht ab zu viel Wissenschaft, sondern aufgrund eines Mangels an objektiver und unabhängiger Forschung. Die Wissenschaft ist ein Werkzeug, das zum Guten oder Schlechten verwendet werden kann. Es geht hier nicht darum, wissenschaftliche Studien zu verunglimpfen, sondern darum, sich über die Interessen und die Transparenz der Autoren bewusst zu werden, um dadurch eine kritische und objektive Lektüre zu ermöglichen.

Die Lebensmittelindustrie

Über die Werbung sowie die zahlreichen ernährungswissenschaftlichen Vorzüge, die auf den Produkten aufgeführt sind, rührt auch die Lebensmittelindustrie mit grosser Kelle in der Verwirrung der Konsument/innen mit. Wir müssen realistisch sein und erkennen, dass sich die Interessen der Lebensmittelindustrie nicht immer an der guten Gesundheit der Konsument/innen orientieren. Es handelt sich hier in erster Linie um Unternehmen, die vor allem bessere Geschäftszahlen erzielen möchten, was man ihnen schlecht zum Vorwurf machen kann. Haben wir diesen Aspekt erst einmal verstanden und in unsere Analyse integriert, ändert sich zwangsläufig auch unser Konsumverhalten. Informiert zu sein ist die Grundlage eines vernünftigen Konsums.

Wem kann man nun Glauben schenken?

Den diplomierten Ernährungsberater/innen?

Ziehen wir eine einfache Analogie: Würden Sie ein dermatologisches Problem von einem Augenarzt behandeln lassen? Natürlich nicht! Warum sollte man dann ein Ernährungsproblem von jemandem behandeln lassen, der nicht auf diesen Bereich spezialisiert ist?

Man wird nicht zum Ernährungsspezialisten, indem man einige Wochenendkurse besucht. Die Praxis der Ernährungsberater/innen beruht erstens auf der Aneignung von Kenntnissen aus der wissenschaftlichen Forschung – denn die Ernährung ist allem voran eine Wissenschaft – und zweitens auf der Praxis und der Erfahrung in diesem Bereich, die während vier langen Ausbildungsjahren gesammelt wird. Hinzu kommt noch die Individualisierung der Behandlungen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es hier um Menschen geht, die alle einzigartig sind. Daher kann nicht einfach allen eine einzige Theorie oder ein vorgefertigter Ernährungsplan übergestülpt werden. Die Personalisierung der Behandlung ist grundlegend, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen (7).

Nur der Bachelor in Ernährung und Diätetik ist in der Schweiz anerkannt, und nur Personen, die im Besitz dieses Diploms sind, dürfen sich Ernährungsberater/innen nennen. Daher aufgepasst bei anderen nicht geschützten Namen wie «Ernährungsspezialist/in», «Ernährungstherapeut/in» oder «Ernährungsexpert/in». Um der Verwirrung entgegenzuwirken, hat der Schweizerische Verband der Ernährungsberater/innen (SVDE) sogar den Titel «Ernährungsberater/in SVDE» schützen lassen (8), damit dieser nur von Mitgliedern des Berufsverbands verwendet werden kann. Dieses Label zertifiziert, dass der Ernährungsberater/die Ernährungsberaterin:

  • im Besitz eines Fachhochschul-Diploms «Bachelor of Science in Ernährung und Diätetik» ist
  • vom Gesetz und dem Artikel 50a der Verordnung über die Krankenversicherung anerkannt ist (9)
  • die Berufstätigkeit auf wissenschaftliche Grundlagen stützt und berufsethische Grundsätze beachtet
  • darum bemüht ist, die Berufsordnung des Verbands sowie den Ethik-Kodex des SVDE zu respektieren.

Die einzige Ausnahme sind Ernährungsmediziner/innen, die nach dem Studium eine Spezialisierung in Ernährung absolviert haben.

Schlussfolgerungen

Natürlich sind nicht alle Ernährungsspezialist/innen, Ernährungstherapeut/innen oder Ernährungs-Coachs zu meiden wie die Pest, aber es bestehen doch sehr unterschiedliche Ausbildungsniveaus und man sollte sich bewusst sein, dass sich jede und jeder als Ernährungsspezialist/in bezeichnen kann, ohne über eine zertifizierte Ausbildung zu verfügen. Versichern Sie sich von der Relevanz der erhaltenen Informationen und bleiben Sie kritisch.

Bevor Sie sich Ratschläge von einfach irgendjemandem anhören und dabei Ihre Gesundheit gefährden, sind hier einige Grundregeln aufgelistet, um sich besser zurechtzufinden.

  • Versuchen Sie herauszufinden, wer die Empfehlung verfasst hat und welches die dahinterliegenden Interessen sind. Fragen Sie sich immer, welches der Inhalt ist, den die betreffende Person vermitteln möchte, und welches die Beweggründe dafür sind.
  • In der Schweiz ist einzig der Bachelor of Science (BSc) in Ernährung und Diätetik durch das Gesetz anerkannt. Ernährungsmediziner/innen einmal ausgenommen, die Erfahrung zeigt, dass selbsterklärte Ernährungsspezialist/innen zum Teil sogar so weit gehen, sich irgendwelche Diplome aus den Fingern zu saugen.
  • Versichern Sie sich, dass die betreffende Person nicht in einem Interessenskonflikt steht, da es nicht realistisch ist, dass jemand objektive Ratschläge erteilt und gleichzeitig für die Lebensmittelbranche oder einen Anbieter von Nahrungsergänzungsmittel arbeitet.
  • Überprüfen Sie, dass die Person, die Ihnen Empfehlungen erteilt, sich auf vertrauenswürdige Quellen stützt. Dies ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Vorgehensweise, und da die Ernährung allem voran eine Wissenschaft ist … Sie haben schon verstanden.
  • Die Frage, ob die betreffende Person auf ihrem Gebiet angesehen ist, ist zwar nicht immer ein Qualitätsbeweis, aber doch ein guter Start.
  • Bis auf wenige Ausnahmen zeigt die Erfahrung, dass gerade jene «Ernährungsspezialist/innen», die sich im Internet auf Seiten mit den grössten Doktoren und Professoren anpreisen, über die am wenigsten soliden Grundlagen und am wenigsten vertrauenswürdigen Informationen verfügen. Der Beruf des Ernährungsberaters / der Ernährungsberaterin betrifft die Gesundheit von Menschen und muss daher einer gewissen Ethik und einer Berufsordnung entsprechen. Lernen Sie, zwischen den Websites einer Gesundheitsfachperson und derjenigen eines Scharlatans, der ihnen einen Traum zu verkaufen versucht, zu unterscheiden.

In einer Zeit, in der sich viele Menschen unabhängig und auf ihre eigene Art und Weise behandeln lassen möchten, ist es wichtig, auch eine Unabhängigkeit im Bereich der Informationsbeschaffung zu entwickeln. Man muss lernen, einen kritischen Geist zu entwickeln, Informationen nicht für bare Münzen zu nehmen und bezüglich der Quellen und der angebotenen Ernährungsinformationen ein qualitativ hohes Niveau einzufordern. An eine einzige Wunderbehandlung zu glauben, entpuppt sich schnell als Illusion, denn es gibt so viele Lösungen wie Individuen.

Simon Besse
Ernährungsberater SVDE
simon.besse@protonmail.ch

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich auf www.topolitique.ch veröffentlicht, wir danken für die Genehmigung, diesen ebenfalls publizieren zu dürfen.

Addendum/Klarstellung SVDE: In der Schweiz sind sowohl der Titel BSc in Ernährung und Diätetik als auch der altrechtliche Titel dipl. Ernährungsberater/in HF gesetzlich anerkannt. Beide Titel befähigen zu einer professionellen Ausübung des Berufes und berechtigen zur Abrechnung von erbrachten Leistungen zulasten der Krankenkasse über die Grundversicherung. Damit sichtbar ist, welche Berufsleute diese Kriterien erfüllen, wurde das Label «Ernährungsberater/in SVDE» geschaffen, welches ausschliesslich von Mitgliedern des Berufsverbands getragen werden darf. Dieses Label garantiert, dass der/die Ernährungsberater/in SVDE einen Fachhochschulabschluss «BSc in Ernährung und Diätetik» oder einen altrechtlichen Abschluss auf Stufe «höhere Fachschule» als «dipl. Ernährungsberater/in HF» hat.

Weiterführende Informationen zu den gesetzlich anerkannten Ernährungsberater/innen erhalten Sie hier.